Mar 15, 2013

Tagesspiegel.de - 15.03.2012

"Vielleicht finden wir keinen Superstar"

Die "DSDS"-Juroren Bill und Tom Kaulitz über Geheimnisse, Tipps für junge Musiker, schlechte Quoten und ihre Band Tokio Hotel.

Bill und Tom Kaulitz, was fällt Ihnen schwerer: Musik zu machen oder als "DSDS"-Juroren über Musik zu reden?
TOM:
Das Beurteilen ist gar nicht so schwer, denn wir hatten uns vor der Show nicht vorgenommen, besonders lieb oder streng zu sein, sondern die Kandidaten so zu bewerten, wie wir sie zu Hause auf dem Sofa auch bewerten würden. Viel gewöhnungsbedürftiger fand ich, die ganze Zeit gefilmt zu werden. Das mag ich nämlich gar nicht, genau so wenig, wie meine eigene Stimme zu hören oder Bilder von mir zu sehen. Das war schon früher in der Schule so. Ich hasse es.

Dann haben Sie vielleicht den falschen Beruf gewählt?
TOM:
Videodrehs und Fotoshootings gehören sicher dazu, aber live zu spielen und Musik zu produzieren ist eben eher mein Ding. Bei Bill ist das was anderes.
BILL: Ich mach' mir nicht so viele Gedanken darüber, dass bei "DSDS" so viele Leute zugucken oder wie ich meine Sätze am besten formuliere …
TOM: … solltest du aber.
BILL: Meine Strategie ist, so ehrlich wie möglich zu sein.

Als Juroren sollen Sie Deutschlands neuen "Superstar" finden. Was macht einen Superstar für Sie aus?
BILL:
Eben genau das, was man nicht erklären kann. Dass man nicht genug hat, wenn die Person von der Bühne geht, dass sie ein Rätsel bleibt. Diese besondere Ausstrahlung.
TOM: Viele Kandidaten kommen und sagen: "Bitte, gebt mir doch noch eine Chance, ich kann das trainieren." Aber genau das hat eben oft keinen Zweck, weil es eben Sachen gibt wie ein gewisses Grundpotenzial und Talent, die man niemandem beibringen kann. Ich glaube auch, dass es extrem wenige Menschen gibt, die das mitbringen. Deshalb kann es auch sein, dass wir hier am Ende gar keinen Superstar finden, aber die Chancen stehen nicht schlecht!

Das wäre ja nichts Neues. Zwar sind alle "DSDS"-Gewinner in den Charts gelandet, aber ein Superstar ist keiner geworden.
TOM:
Für die Gewinner ist es natürlich schwierig, weil es jedes Jahr eine neue Staffel gibt und ein neuer "Superstar" nachproduziert wird.
BILL: Und es gehört ganz viel Glück dazu. Am Ende hängt es auch davon ab, für welchen Kandidaten sich die Zuschauer als Gewinner entscheiden. Vielleicht sind viele Entscheidungen in den vergangenen Jahren auch Fehler gewesen.

Womöglich nimmt eine Castingshow, die die Kandidaten vom Klogang bis zum Knutschen begleitet, auch all das, was ein Star braucht: das Geheimnisvolle, Mehrdeutige, das nicht Dokumentierte?
BILL:
Ich glaube, dass Castingshows eine ganz gute Schule dafür sein können, wie man sich präsentiert und wie man mit Medien umgeht. Es gibt Kandidaten, die das ganz gut hinbekommen. Vielen kann ich andererseits auch immer wieder nur raten: Lieber mal die Klappe halten.

Bill, Sie haben als Zwölfjähriger selbst in der Sat-1-Show "Star Search" mitgemacht und sind im Achtelfinale ausgeschieden. War das Ihr großes Glück?
BILL:
Das zeigt zumindest, dass ein Rauswurf auch eine Chance sein kann. Wir hatten das extreme Glück, dass uns dann jemand als Band entdeckt hat und wir so eine Cinderella-Geschichte erlebt haben.

Sind Sie mit Tokio Hotel also das beste Beispiel dafür, dass ein Superstar nicht retortenmäßig in einer Castingshow geboren werden kann?
TOM:
In Amerika sind in Castingshows wie "American Idol" schon einige Stars gefunden worden, die monstermäßig erfolgreich sind, die wie Kelly Clarkson Grammys gewonnen haben. Aber tatsächlich ist hier in Deutschland – und zwar egal bei welcher Castingshow – noch nie ein langfristig erfolgreicher Künstler herausgekommen.

Woran liegt's? Haben die Kandidaten in den USA eine andere Qualität?
TOM:
Amerika ist natürlich ein anderer Musikmarkt. Wir haben hier in Deutschland insgesamt wenige neue nationale Künstler, die dauerhaft Karriere machen.

Aber Sie haben es doch geschafft. Würden Sie heute einem jungen Musiker raten: Geh auf alle Fälle in eine Castingshow?
TOM:
Viele Kandidaten kommen zum Casting und haben mit Musik eigentlich nichts zu tun. Die singen vielleicht ganz gerne und denken, sie können ganz gut Lieder nachsingen, aber es sind kaum Künstler dabei, die das von ganzem Herzen gerne machen.

Hat Sie das überrascht?
TOM:
Die meisten wollen es halt einfach nur mal probieren und meinen es gar nicht richtig ernst. Darum würde ich erst mal einen jungen Musiker fragen: Was hast du für dich schon gemacht? Was hast du in eine Musikkarriere investiert? Und dann muss man eben gucken, ob eine Castingshow der richtige Weg ist. Andererseits wird es auch immer schwerer, andere Wege zu gehen.

Warum?
TOM:
Weil die Musikindustrie in den vergangenen Jahren so dermaßen abgeschmiert ist. Die Plattenfirmen haben immer weniger Geld, in Newcomer wird gar nicht mehr investiert.

Nicht nur die Musikbranche schwächelt. Auch Castingshows müssen sinkende Quoten verzeichnen, "DSDS" läuft so schlecht wie seit dem Start der Show vor zehn Jahren nicht mehr. Hat es sich ausgecastet in Deutschland?
BILL:
Man muss das natürlich immer im Verhältnis sehen. "DSDS" hat nach wie vor noch die besten Quoten von allen Castingshows. Deshalb würde ich das jetzt auch nicht verallgemeinern, dass Castingshows keine Zukunft mehr haben im Fernsehen. Es kommt immer extrem auf die Kandidaten an.

Und auf den Unterhaltungswert der Juroren. Warum haben Sie sich entschieden, mitzumachen?
BILL:
Die Lust, neue Talente zu sehen, hatten wir schon immer. Wir bekommen auch schon seit Jahren Anfragen von allen möglichen Formaten, aber wir hatten bisher einfach nicht die Zeit dafür. Bei "DSDS" hat es eben gepasst.

Planen Sie nach "Deutschland sucht den Superstar" weitere Fernsehshows oder reicht es Ihnen jetzt erst mal?
BILL:
Wir sind parallel im Studio und arbeiten an unserem neuen Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Ich werde schon hibbelig, wenn bei "DSDS" die Kandidaten die ganze Zeit Musik machen und wir nicht. Wir wollen jetzt endlich selber wieder loslegen.

Quelle/Source

Translation

"Maybe we won't find a Superstar"

"DSDS"-Jurors Bill and Tom Kaulitz open up about secrets, bad ratings, their band Tokio Hotel and give young musicians some tips.

Bill and Tom Kaulitz, what's harder for you: Making music or talking about music as "DSDS"-Jurors?
TOM:
Judging the candidates isn't that hard, because it wasn't our goal to be super nice or extremely strict before the show started. Our goal was to judge the candidates like we would do it at home, sitting on our couch and watching the show. What I had to get used to was being filmed the whole time. I really don't like that. I like it as much as I like hearing my voice or seeing pictures of myself. It was already like that for me when I went to school. I hate it.

Then you chose the wrong job...?
TOM:
Videoshoots and Photoshoots are definitely part of that, but playing live and producing music is more my thing. With Bill it's completely different...
BILL: I don't really think about the fact that a lot of people are watching "DSDS" or about the way I should phrase my sentences...
TOM: … but you should.
BILL: My strategy is being as honest as possible.

As part of the jury you're in charge of finding Germany's next "Superstar". What does being a "Superstar" mean to you?
BILL:
Precisely, the things that you can't explain. That feeling, that you can't get enough when the person gets off the stage, that this person stays a mystery to you. This special kind of charisma.
TOM: A lot of candidates come to us and say: "Please give me another chance, I can work on it." But that's often what doesn't help them at all. There is a certain level of potential and talent that you can't teach someone. I also think that there are less people who already carry that talent around with them their whole life. That's why it could happen that we won't find a Superstar at the end of the show - but the chances of finding one aren't that bad!

What else is new? Every "DSDS"-winner ended up in the Charts, but none of them are Superstars.
TOM:
For the winners it is of course difficult, because there's a new season every year and therefore also a new "Superstar".
BILL: And luck plays a big role as well. In the end, it's also all about which candidate the viewers choose as the winner. Maybe a lot of the decisions made in the past years were just the wrong ones.

It is also possible that a casting show that follows the candidates every move takes a lot of the things away that make a "Superstar": the secrecy, the things that don't get documented?
BILL:
I think that casting shows are pretty good at teaching someone how to present themselves and how to handle the media. There are candidates who can handle that pretty well. Whereas there are others, whom I can only advise to just keep their mouths shut.

Bill, when you were twelve, you yourself participated in the Sat-1-Show "Star Search", but you didn't make it to the finals. Was that your big lucky moment?
BILL:
This at least shows that getting kicked out also presents you with a new chance. We were extremely lucky that someone discovered us as a band and that we got to experience a type of cinderella story.

So, your career with Tokio Hotel is therefore the best example that a Superstar doesn't necessarily have to be found in a casting show?
TOM:
In the US casting shows like "American Idol" have indeed found a few stars that were extremely successful and who, like Kelly Clarkson, won a few Grammys. But to be real, here in Germany - and it doesn't matter which casting show we're talking about - no successful artist ever came out of one.

Why? Is the quality of the candidates in the US better?
TOM:
The US has a whole other music market. Here, in Germany, we have very few new artists that are able to have a career in the long run.

But you managed it. Would you advise a young musician to go and take part in a casting show?
TOM:
A lot of candidates come to the casting and don't really have anything to do with music. They might like to sing and think that they're pretty good at it, but there are very few candidates who really put their heart and soul into it.

Did that surprise you?
TOM:
Most of them only want to try it out and aren't very serious about it. That's why I would ask a young musician first: What have you done for yourself? What did you invest into your musical career? And then you really have to look into it - if a casting show really is the right path for him or her. Then again, finding another path it also getting considerably hard these days.

Why?
TOM:
Because the music industry has lost a lot of money in the past few years. The record labels have less money and they don't invest in newcomers anymore.

Not only the music industry, but also casting shows have to report a drop in ratings. "DSDS" has been pulling in pretty bad ones, some which the show the last time had when it first aired ten years ago. Is the "Casting-Show-Boom" in Germany over?
BILL:
You always have to look at this in relation to the other casting show. "DSDS" still has the best ratings. That's the reason why I wouldn't generalize that casting shows don't have a future on TV anymore. It always depends on the candidates.

And on the entertainment value of the jury. Why did you decide to be a part of "DSDS"?
BILL:
We were always in the mood for watching new talents. We've also been getting requests from all possible casting show formats for years, but we just didn't have the time. "DSDS" just came in at the right time.

Do you plan on taking part in other TV-Formats after „Deutschland sucht den Superstar“ or is that enough for now?
BILL:
Next to working on "DSDS", we are currently in the studio, working on our new Album which is set to be released this year. I'm already getting jittery when I see all the candidates making music and not us as a band. We really want to start again.

Translation by Icey @ LoveTH-Music.com

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